Walther Herwig III, 341. Reise
Vierter Teil: Gut gerüttelt und geschüttelt
Immer wieder gut gerüttelt und geschüttelt wurden wir in der vergangenen Woche. Dabei ließ es sich noch verhältnismäßig gut an. Zwar ließen uns die bewegte See und der kräftige Wind nur langsam vorankommen, aber wir erreichten unsere nördlichsten Stationen – gefürchtet weil sturmreich – bei ruhigem Wetter ohne Stocken. Zudem wartete der Übergangsbereich zwischen Nordsee und Nordatlantik mit einer Überraschung auf: Ein umfangreicher Fang großer Leng-Fische kam in der Mitte zwischen den Shettland-Inseln und Norwegen an Deck. Das Besondere für uns war die Menge der großen Tiere von bis zu über 1,5 m Länge (Bild). Bisher kannten wir diese Tiere vorwiegend als kleinere Gruppen oder Einzelexemplare von gut 1 m Länge, die am Rand der Norwegischen Rinne leben. Aus welchem Grund diese „Großfamilie“ jetzt die nördliche Nordsee besuchte, hat sie uns leider nicht verraten.
Aufgeschreckt durch die tägliche Wetterberatung, entschlossen sich Kapitän und Fahrtleiter schweren Herzens, die Arbeit im Norden bei noch bestem Wetter abzubrechen und über Nacht in das südliche Arbeitsgebiet zu dampfen. Denn eine massive Südströmung der Luftmassen sollte sich in der zweiten Hälfte des nächsten Tages aufbauen. Die damit heran rauschenden kräftigen Tiefausläufer mit mehr als 6 m hohen Wellen hätten dann die nötige Südverlagerung der HERWIG verhindert. Unser Schiff wäre nur mit äußerst geringer Fahrt gegen die See angekommen, der Zeitverlust wäre enorm geworden. Es mussten also Stationen im Norden unbearbeitet bleiben.
Das Wetter macht was es will
Im südlichen Arbeitsbereich angelangt, konnte gleich am nächsten Tag weitergefischt werden, bevor der Sturm am Abend einsetzte. Er dauerte durchgehend bis zum nächsten Abend. Und dieses Spiel setzte sich die nächsten Tage fort: Einen Tag Hols mit dem großen Netz, nachts – soweit möglich – Planktonfänge, wieder gefolgt von ganztägigem heftigen Geschaukel. Dabei tanzte das durch den Brennstoffverbrauch leichter gewordene Schiff wie ein Ball auf den Wellen, nahm Wasser über (Bild) und schüttelte sich heftig. Keiner schlief mehr gut. Der Rhythmus Arbeit / Schaukeln ging auf die körperliche Substanz und zehrte an den Nerven. Denn es wurde immer klarer, dass auch hier nicht mehr alle Stationen vor dem Einlauftermin zu schaffen waren. Gestern Abend wurde dann bei rauer See der letzte Hol gemacht. Drei Quadrate blieben unbearbeitet, denn weiterer starker Wind wurde für dieses Nordseegebiet angekündigt. Gegen die See an, nahm die HERWIG deshalb Kurs auf den Heimathafen. Wider Erwarten sind jetzt in der äußeren Deutschen Bucht Wind und See sehr ruhig.
Die in den letzten Tagen in erfreulich großer Zahl aussortierten Heringslarven im zentralen Arbeitsgebiet hoben die Stimmung etwas, zeigen sie doch, dass die Nachwuchsproduktion dieser Art am Ende des letzten Jahres gut war. Den Kleinen ist nur zu wünschen, dass sie das richtige Futter zur rechten Zeit finden und das Jungheringsstadium ungefressen überstehen, um in 3 bis 4 Jahren den Bestand durch ihr Laichgeschäft wieder aufzustocken. Nach unserem – ersten – Eindruck sind die entsprechenden Aussichten bei den anderen Arten weniger gut. Endgültig werden wir das aber erst in einigen Wochen wissen, wenn die Daten aller Schiffe dieser Untersuchung ausgewertet worden sind.
Am späteren Abend wurde gestern die von der Mannschaft und den Eingeschifften gemeinsam hart erarbeite und trotz aller Widrigkeiten ansehnliche Stationsmenge (67 von 77 vorgesehenen Bodenhols, 138 von 154 Planktonhols) mit einer kleinen Feier gewürdigt und der Fahrtleiter nach dieser seiner letzten Reise verabschiedet. Aber keine Angst, die Kontinuität ist gewahrt. Im nächsten Jahr berichtet hier der Nachfolger.
Zum letzten Mal viele Grüße von Bord der Walther Herwig
Gerd Wegner, Fahrtleiter
Mittwoch, 16. Februar 2011

