Alternative Managementansätze
Das OSF hat schon vor 2008 einen umfassenden alternativen Managementansatz zur schnellen Eliminierung von Rückwürfen bei gleichzeitiger deutlicher Deregulierung und Stärkung der Verantwortung der Fischerei in der Ostsee vorgelegt. Die Ergebnisse der Diskussionen fließen ab 2010 in eine neue Studie ein, die Möglichkeiten der Beweislastumkehr durch eine vollständige Dokumentation aller Fänge testet. Durch eine Videoüberwachung aller Fänge (in der Phase des Anbordbringens und Sortierens) soll die Fischerei nachweisen können, dass sie sich regelkonform verhält; diese Bereitschaft wird durch einen Quotenaufschlag in Höhe der bisherigen Discards belohnt. Die Videodokumentation bietet ferner eine viel versprechende Möglichkeit, die Eingangsdaten über den Aufwand, die Position der Fänge und Beifänge sowohl von Fischen als auch von Seevögeln und Seesäugern erheblich zu verbessern. Die Pilotstudie wird in enger Abstimmung mit Dänemark und Schottland durchgeführt und soll ab 2011 in eine alternative Managementoption („Catch Quota Management“) in den Gewässern der EU münden.
Einen gänzlich anderen Weg zur Förderung nachhaltiger Fischereien gehen verschiedene freiwillige Initiativen, die auf den Einfluss des Handels und der verarbeitenden Industrie zielen. Mitarbeiter des OSF sind schon seit vielen Jahren an der Weiterentwicklung bestehender Schemata zur Nachhaltigkeitszertifizierung beteiligt, z.B. im Rahmen der BMELV-AG „Mindestkriterien für die Nachhaltigkeitszertifizierung“ oder in Ausschüssen des Marine Stewardship Council (Stakeholder Council, Technical Advisory Board). Aber auch unterhalb einer aufwändigen Zertifizierung kann die nachhaltige Fischerei gefördert werden, z.B. durch die Entwicklung individueller Einkaufspolicies der einzelnen Unternehmen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Unternehmen zwischen gesunden und überfischten Beständen oder vorbildlichen und weniger nachhaltigen Fischereien unterscheiden können. Um dies zu erreichen, hat sich das OSF intensiv an der Entwicklung detaillierterer Fanggebietsdefinitionen beteiligt, die bis Ende 2010 flächendeckend zum Endkunden kommuniziert werden sollen. Ferner wird ein wissenschaftlich exakter, aber für Einkäufer und Verbraucher verständlicher und aktueller Bericht über den Zustand der gehandelten Ressourcen benötigt. Das OSF wird bis Anfang 2013 eine solche Informationsquelle aufbauen („Fischbestände online“).
Was dann noch fehlt ist eine lückenlose Rückverfolgbarkeit, um Handel und Käufer die Herkunft aus den ausgewählten Beständen und Fischereien garantieren zu können, und illegale oder unberichtete Fänge vollständig auszuschließen. Ein solches Herkunftssicherungssystem sollte nach unserer Ansicht nicht auf Papieren und Zertifikaten basieren, sondern moderne Technologie nutzen: Eine automatische Mengenflusskontrolle in einer zentralen Datenbank wäre die zeitgemäße Grundlage. Geschickt aufgesetzt, könnte ein solches System nicht nur Fischerei und Handel völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation mit dem Kunden geben, es würde auch die Bemühungen für eine nachhaltige Fischerei stark beschleunigen, z.B. durch die Gewährung eines Preisaufschlags für nachweislich besonders beifangarme Fischereien.
Schließlich sollte ein solches System durch die flächendeckende Erfassung hoch aufgelöster Fischereidaten (Position, Zusammensetzung des Fangs) die bisherige Datenmangelsituation in der Fischereiwissenschaft vollständig beenden.
